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Hamed Abdel-Samad

Der islamische Faschismus.

Eine Analyse

Droemer Verlag München 2014. 224 Seiten. Hardcover. 18.00 €

ISBN 978-3-426-27627-3

Mit seinem neuen Buch „Der islamische Faschismus“ hat Hamed Abdel-Samad weniger eine wissenschaftliche Analyse als vielmehr eine populäre Streitschrift vorgelegt, deren sachliche Bewertung uneinheitlich ausfällt.

Zunächst ist Abdel-Samads Bemühen dahingehend positiv zu würdigen, dass er - gegen den Strom der vorherrschenden politisch-medialen Verharmlosung - den Islam als eine reaktionär-antiemanzipatorische Herrschaftsideologie kenntlich macht, die es kritisch zu durchdringen gilt. Dabei rekapituliert er Erkenntnisse und Einsichten, die bereits von anderen Autoren vor ihm zum Teil wesentlich detaillierter und fundierter, vor allem aber begrifflich klarer herausgearbeitet und dargestellt worden sind. Das betrifft zum einen die Kollaboration des Muftis von Jerusalem mit dem Nazi-Regime (vgl. zum Beispiel Gensicke, Mallmann/Cüppers, Herf u. a.) sowie zum anderen die Darstellungen der Grundgedanken konzeptiver Ideologen des Islamismus wie al-Wahab, al-Banna, Outb und Maududi.

Informativ ist das Kapitel 2 zur Wirkung des Nationalsozialismus auf die Muslimbruderschaft, die als Mutter aller islamistischen Bewegungen der jüngeren Geschichte und Gegenwart zu kennzeichnen ist. Der Autor umreißt hier die Bewunderung Hassan al-Bannas, des Gründers der Muslimbruderschaft, für Hitler und Mussolini und benennt auch den „interessanteste(n) - und entlarvenste(n) Punkt“, nämlich al-Bannas Korrektur Mussolinis. Diese Korrektur hätte auch Abdel-Samad selbst begrifflich-konzeptionell zu denken geben sollen! „Al-Banna korrigiert Mussolini, indem er ihn daran erinnert, dass die Idee der totalen Militarisierung einer Gesellschaft nicht erst mit dem Faschismus begonnen habe, sondern bereits vor mehr als 13 Jahrhunderten mit dem Islam eingeführt worden sei! Denn der Islam, so Al-Banna, huldige dem militärischen Geist und wolle diesen in die Seele jedes Muslims einpflanzen: ‚Es gibt kaum eine Sure im Koran, wo der Muslim nicht aufgefordert wird, Mut , Ausdauer und Kampfgeist zu zeigen und den Dschihad für die Sache Gottes zu führen.‘“ (S. 38).

De facto war der Islam bereits seit seiner frühmittelalterlichen Gründung und damit lange vor der Herausbildung und vergleichsweise sehr kurzen Herrschaftsphase des europäischen Faschismus imperialistisch, kriegerisch, unterwerfend, versklavend, judenfeindlich, repressiv gegen Anders- und Ungläubige, Frauen, Abtrünnige und Abweichler etc. Genau genommen repräsentiert er eine kulturspezifisch-religiöse Legitimationsideologie, die ein besonderes zwischenmenschliches System vormoderner Herrschaft vorschreibt, göttlich überhöht und raum-zeitlich verabsolutiert. Somit trägt der Islam selbst die Verantwortung für seine autonom hervorgebrachten Wesenszüge und kann seine Eigenschaftsmerkmale nachträglich weder objektiv-real noch semantisch auf den Faschismus abschieben bzw. auf einen externen herrschaftskulturellen Kontext abwälzen. Die Diktion „Der Islam/Islamismus ist faschistisch“ bzw. „Der islamische Faschismus“ ist somit bei näherer Betrachtung unscharf und pseudoradikal - gewissermaßen eine verkappte Form der Selbstentlastung.

Zwar ist es richtig, inhaltliche und strukturelle Parallelen zwischen Islam/Islamismus und Faschismus herauszuarbeiten. Vgl. hierzu http://www.gam-online.de/text-Islam-faschismus.html

Gleichzeitig sind aber auch die verschiedenartigen kulturhistorischen Voraussetzungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dieser beiden Formationen zu berücksichtigen und deshalb Faschismus und Islam/Islamismus begrifflich auseinanderzuhalten. In dem Buch „Faschismus und Fundamentalismus“ (2003) hat der Rezensent den deutschen Nationalsozialismus und den Islamismus als Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen vormoderner Herrschaftskultur und kapitalistischer Moderne dargelegt und dabei den Begriff der „totalitären Intention“ als Vergleichsmaßstab zugrunde gelegt[1]. Wie jede vormodern-absolutistische Herrschaftsform beinhaltet auch das islamische Herrschaftskonzept die Tendenz zum Totalitären; wobei das Totalitäre aus der Verbindung von absolutistischer Herrschaftsideologie und ökonomisch-technisch-bürokratischer Modernität hervorgeht. Das Totalitäre ist der Versuch der Fortsetzung bzw. Wiederherstellung absoluter Herrschaft in einer nunmehr posttraditional gewordenen (rational entzauberten) Welt unter Zuhilfenahme ‚moderner‘ Mittel.

Der Autor übersieht mit seiner Gleichsetzung von Islam und Faschismus zudem folgenden gravierenden Unterschied: Der europäische Faschismus reagiert auf eine erfolgreiche kulturinterne geistig-moralische (Aufklärung; Säkularisierung), ökonomische (Technische Revolution; Industriekapitalismus) und politische (Gewaltenteilung; Demokratie) Modernisierung. Der islamischen Herrschaftskultur hingegen fehlt diese Binnenerfahrung einer aus sich selbst hervorgebrachen Modernisierung. Daraus resultiert auch ihr Hang zum antiwestlichen Verschwörungswahn und zur Abwälzung aller Krisenerfahrungen auf den Kolonialismus und die „Ungläubigen“.

Darüber hinaus führt Abdel-Samad bedingungslosen Gehorsam und absolute Opferbereitschaft als Aspekte des Faschismus an. Tatsächlich verhält es sich aber genau umgekehrt: Der Faschismus adoptiert Grundmerkmale vormoderner Herrschaftskultur und legiert sie mit moderner-antihumanistischer Ideologie wie dem Rassismus, Sozialdarwinismus und Militarismus.

Einerseits schreibt Abdel-Samad: „Wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Glaubens getötet werden, ist das Faschismus.“ Auch das ist unzutreffend. Denn hierbei handelt es sich um prämoderne Stammes- und religiöse Herrschaftskultur, die dem Faschismus historisch vorausgeht, und die dieser dann aufgreift, reaktiviert und mit modernen Mitteln systematisiert. Andererseits projiziert er den Faschismus in die islamische Ursprungsgemeinde, um dann aber logisch widersprüchlich festzustellen: „In seinen Anfängen war der Islam wandlungsfähig und stellte sich nicht gegen Wissen und freies Denken.“ (S. 103) Tatsächlich gab es unter den Bedingungen der sog. arabischen Blütezeit fortschrittliche Ansätze und Tendenzen, aber eben nicht aufgrund, sondern trotz bzw. entgegen der schließlich obsiegenden islamischen Dogmatik, wie Abdel-Samad in einem Abschnitt („Mythos Andalusien“) zutreffend feststellt.

Wenn auch die Gleichsetzung und begriffliche Konfundierung von Islam und Faschismus unhaltbar ist, so sind dennoch u. a. folgende Parallelen festzuhalten: Der Reinrassigkeit als totalitärem Druckmittel im faschistischen Terrorstaat entspricht die Rechtgläubigkeit als totalitärem Druckmittel im gottesherrschaftlichen Terrorstaat. In beiden Fällen maßt sich der totalitäre Terrorstaat das Recht an, in sämtliche Lebensäußerungen des Individuums nach Belieben einzugreifen. Die persönlichen Rechtsgarantien, die vormals von der bürgerlich-antifeudalen Bewegung erkämpft worden waren, vernichtete der faschistische Terrorstaat (Rosenberg: Recht ist das, was arische Männer für Recht befinden), während der islamistische Terrorstaat direkt an der grundlegenden Gottesknechtschaftslehre des orthodoxen Gesetzesislam anknüpfen kann. In seiner Selbstsicht betrachtet sich der faschistische Terrorstaat als „auf deutscher Sittlichkeit beruhender Weltanschauungsstaat“ (Lukács), während sich der islamistische Terrorstaat als auf gottesherrschaftlicher Sittlichkeit beruhender religiöser Ordnungsstaat inszeniert. Der faschistische Führer ist der Vollstrecker des auf Rassenreinheit bedachten völkischen Gesamtwillens, der islamische Imam ist der Überwacher und Vollstrecker des göttlichen Willens gegenüber seinen knechtschaftlichen menschlichen Geschöpfen. Wenn Lukács schreibt, dass die ‚germanische Demokratie’ den widerwärtigen Typus eines Menschenschlages erzieht, der grenzenlos servil nach oben, ebenso grenzenlos grausam tyrannisch nach unten ist, so gilt das Eins zu Eins auch für die islamistische Diktatur. Wie in allen totalitären Diktaturen werden die Menschen in beiden Fällen vor die Wahl gestellt, entweder korrupte Henker oder Objekte der Tortur zu sein.

Trotz der dargelegten Kritikpunkte enthält Abdel-Samads Buch eine Reihe richtiger Beschreibungen und Fakten im Hinblick auf die grund- und menschenrechtwidrigen Wesenszüge der islamischen Herrschaftsideologie. Deshalb ist der Autor auch gegenüber dem unseriösen Vorwurf in Schutz zu nehmen, er lasse „seinem pathologisch zu nennenden Hass gegen die ägyptische Muslimbruderschaft freien Lauf“. Der Autor dieses Vorwurfs, Michael Lüders, selbst ein proislamischer Quisling und Schönfärber nicht nur der Muslimbrüder, sondern auch der iranischen Gottesdiktatur, ist hinreichend charakterisiert, wenn man seine Funktion und die Quelle seiner Diffamierung nennt: Er gehört zum Kollaborationsnetzwerk des deutschen Exportkapitals mit den islamischen Diktaturen im Nahen und Mittleren Osten und veröffentlicht auf der unbefangenen Internetseite des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

 

Hartmut Krauss, Osnabrück 15.04.2014


 

[1] „‚Totalitär‘ ist ... eine zu praktischer Realisierung drängende, legitimationsideologisch begründete Intention, die auf eine radikale Vertiefung, Verabsolutierung und Perfektionierung (‚Totalisierung‘) zwischenmenschlicher Herrschaftsverhältnisse hinausläuft und die Tötung/ Liquidierung negativ bestimmter Menschengruppen („minderwertige Rassen“, „Klassenfeinde“, „Ungläubige“ o. ä.) explizit einschließt, ggf. sogar systematisch plant und ideologisch-propagandistisch ins Zentrum rückt.“ (S. 8)