Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer

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Caroline Fourest:

Generation Beleidigt.

Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei.

Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik

Buchbesprechung

Aus dem Französischen von Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse. Edition TIAMAT Verlag Klaus Bittermann. Deutsche Erstveröffentlichung. 1. Auflage Berlin 2020. Paperback. 144 Seiten. ISBN: 978-3-89320-266-9. 18,00 €.

Die Autorin beleuchtet in ihrer sehr konkreten und lebhaft schildernden Abhandlung mit dem allerdings viel zu weichen Titel den scharfen Gegensatz zwischen zwei sich unversöhnlich gegenüber stehenden Konzepten des Antirassismus. Auf der einen Seite der klassisch linke oder besser: herrschaftskritisch-emanzipatorische universalistische Antirassismus, der gegen irrationale Vorurteile und die essentialistische Festschreibung von Identitäten als unentrinnbare (verdinglichte) Gegebenheiten antritt, eine Gleichbehandlung im Namen des Universalismus fordert und das Resultat einer langen Geschichte ist, „die von der Philosophie der Aufklärung bis zur allgemeinen Erklärung der Menschenrechte reicht“ (S. 50). Dem steht auf der anderen Seite ein identitärer Antirassismus gegenüber, der das Prinzip der kritischen Betrachtung und Hinterfragung desavouiert und eine besondere Behandlung bzw. „positive Diskriminierung“ im Namen der festgefügten und unantastbaren kulturellen Identität propagiert, auch wenn die zugrunde liegenden Kulturen autoritär-hierarchisch strukturiert und irrational scheinlegitimiert sind. In seinen radikalen Auswüchsen kippt dieser angebliche „Antirassismus“ in einen neuen Rassismus der einfachen Negation um, indem nunmehr ein antiweißer Suprematismus der „people of color“ propagiert und zum Teil auch praktiziert wird.

Betrachtet man die von der Autorin beschriebenen Auffassungen und Handlungsweisen dieses identitären Antirassismus, dann fragt man sich als gesellschaftswissenschaftlich und politisch gebildeter Mensch, was denn nun an diesem „identitären Antirassismus“ vor dem tradierten Hintergrund des herrschafts- und religionskritischen Diskurses der Radikalaufklärung sowie des revolutionären Humanismus Marxscher Prägung eigentlich „links“ sein soll. Denn was Caroline Fourest beschreibt, deutet im Näheren eher auf die Auswüchse eines neuen postmodernen Faschismus mit starken islamischen Anleihen hin, der mit dem Begriff „Antirassismus“ eine sehr ähnliche ideologische Demagogie betreibt wie der Hitlerfaschismus mit dem Begriff „Sozialismus“.

Zum Werdegang dieser ideologischen Degeneration stellt die Autorin, die sich selbst als lesbische Feministin der „universalistischen Linken“ zuordnet, Folgendes fest: „Nachdem dieser identitäre Antirassismus die Linke in den angelsächsischen Ländern, von den USA über Großbritannien bis nach Kanada, zerschlagen hatte, begann er die europäische Jugend zu kontaminieren, die immer mehr den gewalttätigen und gefälligen Radikalismus eines Malcom X der Weisheit Martin Luther Kings vorzieht. Sie verteidigt damit eine fundamentalistische Auslegung von Identität, und das in Ländern, in denen sich die radikale Rechte aus Angst vor dieser Entwicklung erhebt“ (S. 53).

Im Näheren zeichnet sich diese identitär-antirassistische Bewegung nach Fourest durch Folgendes aus:

⇒ „Sie hat … keinerlei Skrupel, sich mit fundamentalistischen und antisemitischen Gruppen zu verbünden, solange diese nur behaupten, gegen den Kapitalismus oder den Imperialismus zu kämpfen.“ (S. 53).

⇒ Das führt manchmal so weit, das ganz offen auch Positionen des schwarzen und radikalislamisch aufgeladenen Rassismus und Antisemitismus eines Malcolm X („Der weiße Mann ist von Natur aus böse und muss vernichtet werden.“) und eines Louis Farrakhan verteidigt werden, der Hitler bewunderte und „die Juden mit den satanischen Weißen gleichsetzte , sie manchmal sogar als Termiten bezeichnete, die vernichtet werden müssten.“ (S. 54)

⇒ So ließ sich Tamika Malory, eine der Initiatorinnen des Frauenmarsches, auf einer Zusammenkunft der „Nation of Islam“ bei einem innigen Kuss mit Farrakhan ablichten und die verschleierte Anführerin des Frauenmarsches, Linda Sarsour, eine „Unterstützerin Palästinas nach Art der Hamas“, grundiert ihren „Antirassismus“ laut Fourest folgendermaßen: „Unsere allerhöchste und wichtigste Priorität ist es, einzig Allah, dem allmächtigen Gott, zu gefallen.“ (S. 55)

⇒ Auch in Frankreich haben sich Gruppen gebildet, die Positionen ähnlich der „Nation of Islam“ vertreten und ihren „Antirassismus“ als Tarnvorhang für ihre reaktionär-islamische Identitätspolitik instrumentalisieren. So die Anführerin der „Indigenen der Republik“, Houria Bouteldja in ihrem Buch „Die Weißen, die Juden und wir“, die ihre trotzig-dogmatische Identität und Integrationsverweigerung folgendermaßen posaunt: „Mein Körper gehört mir nicht. Keine noch so große Autorität kann mich dazu bewegen, ein Motto zu unterstützen, das von und für weiße Feministinnen geschaffen wurde. Ich gehöre zu meiner Familie, zu meinem Clan, zu meiner Nachbarschaft, zu meiner Rasse, zu Algerien, zum Islam.“ (S. 56)

Diese identitäre Unterwerfung unter die autoritär-antiemanzipatorischen Herkunftskultur geht so weit, dass eine Frau, die von einem Mann ihrer Sippe bzw. Herkunftskultur vergewaltigt wurde – er also schwarz, arabisch oder moslemisch sei –, diesen nicht anzeigen sollte, weil sonst der „Rassismus“ befeuert würde. „Das gilt zumal, wenn sie selbst Moslemin ist, denn sonst macht sie sich des Verrats schuldig“. (S. 57). „Konkret bedeutet dies: Harvey Weinstein darf wegen Vergewaltigung angezeigt werden, Tariq Ramadan nicht“ (S. 62)[1]. Angesichts dieser „Haltung“ ist es dann keine große Überraschung mehr, dass diese Person offen bekennt, von großen Emotionen überwältig zu werden, wenn sie das islamische „Sieg Heil“, nämlich den Ruf „Allahu akbar“ (Gott ist am größten) hört, „der die Ungläubigen in Angst und Schrecken versetzt.“ Dies, so Caroline Fourest, sei eine besonders fragwürdige Aussage in einem Land, „in dem mehr als 263 Franzosen, nachdem sie diesen Schrei gehört hatten, bei Attentaten ermordet wurden.“ (S. 57).

Den heutigen postmodernen IntersektionalistInnen[2] wirft Fourest vor, diese würden im Gefolge von Michel Foucault und dessen reaktionärer Verklärung des iranischen Mullah-Regimes die Islamisten als dominante Kraft nicht wahrnehmen wollen, sondern vermengten diese lieber mit allen anderen Moslems, „so als ob es eine … traute Gemeinschaft wäre, wenn sie sie nicht gar als bedrängte Minderheit, als Opfer des Rassismus des Westens halluzinieren. Ob sie nun vergewaltigen, verschleiern oder enthaupten, in dieser kruden Wahrnehmung sind sie vor allem eines: Rebellen und Verdammte dieser Erde, die versuchen, sich selbst zu dekolonisieren“ (S. 63). In diesem Kontext ist daran zu erinnern, wie abgrundtief verlogen die Inszenierung der islamischen Umma als „Opfergemeinschaft“ vor dem Hintergrund historischer Realitäten ist, wo doch dem westlichen Kolonialismus ein expansiver islamischer Imperialismus vorausging, das muslimische Sklavereisystem das westliche deutlich übertraf und die heutige Ausbeutung ausländischer Arbeitskraft in den arabisch-islamischen Ölmonarchien die westlich-spätkapitalistische Mehrwertabpressung in den Schatten stellt[3].

Vor diesem Hintergrund beschreibt die Autorin zahlreiche Praxen der repressiven Intoleranz seitens der Verfechter des identitären Antirassismus und Kulturrelativismus und bezeichnet diese zusammenfassend als Agenda einer neototalitären bzw. inquisitorischen „Gedankenpolizei“.

Ins Auge sticht dabei ein eigentümlicher Widerspruch. Zum einen eine extreme Hypersensibilität auf Seiten der „identitären AntirassistInnen“, zum anderen eine hohe Bereitschaft zu hemmungsloser Diffamierung und aggressiver Repression. In diesem Kontext wird der Aufstieg der Opferkultur an den us-amerikanischen Universitäten beschrieben. Hinter dem „Spektakel der Viktimisierung“, die eng mit einer Unkultur des über Gebühr zur Schau gestellten Beleidigtseins korrespondiert, stecke keine echte Solidarität mit echten Opfern ungerechter und repressiver Behandlung, sondern eine Strategie zur Beseitigung von Konkurrenten. Psychologisch getriggert wird diese Opferkultur durch eine pathologisch anmutende Weichlichkeit und Verletzlichkeit, bei der die auf eigentümliche Weise verformte subjektive Empfindsamkeit zu einem unhinterfragbaren Wahrheitsbarometer aufgebläht wird. So fordern zahlreiche amerikanische Studentenvertretungen ein „Recht auf Rückzug“ bzw. auf Lernverweigerung im Falle „empfindlicher Studieninhalte“, die Studierende womöglich auf mikroaggressive Weise[4] kränken könnten. Das gilt dann im Grunde für alle willkürlich rassifizierten Werke weißer westlicher Autoren. Diese Texte, so heißt es in einem Manifest der Columbia-Universität, könnten die Identitäten von Studierenden verletzen und marginalisieren. Sie seien „auf intime Weise mit Geschichten und Erzählungen der Ausgrenzung verbunden“ und „könnten für Überlebende, farbige Menschen oder Studenten aus bildungsfernen Milieus schwer zu lesen und zu studieren sein“ (S. 107).

Die Autorin fragt angesichts dieser regressiven Tendenzen zu Recht: Wie soll Bildung funktionieren, wenn bestimmte Emotionen und, so wäre hinzuzufügen: unbequeme Informationen, von vornherein ausgeschlossen werden? Die Antwort kann nur lauten: Überhaupt nicht. Was hier stattfindet ist vielmehr geistig-moralische Verunstaltung als Ausdruck postmoderner Dekadenz, die leicht in eine offen-faschistoide Lynchstimmung im Namen eines neuen antiweißen Rassismus mit stark islamischen Beimengungen umschlagen kann, wie sie Fourest unter anderem im Kapitel „Der Alptraum von Evergreen“ anhand der Umtriebe an einer Kunsthochschule im Bundesstaat Washington beschreibt. Verallgemeinernd mit Blick auch auf französische Universitäten sowie unter dem Eindruck eigener massiver Erfahrungen mit dem politischen Terror des lumpenakademischen Mobs an der Freien Universität Brüssel, wo sie unter Polizeischutz und den Schreien „Dreckige Jüdin! Freimaurerin! Islamophobe!“ eine Vorlesung hielt, schreibt Caroline Fourest: „Studenten aus der identitären radikalen Linken greifen Referenten, die ihre Überzeugungen nicht teilen, regelmäßig an, und zwar mit körperlicher Gewalt. Dabei können ihre Opfer genauso der Rechten wie der gemäßigten, sozialdemokratischen oder universalistischen Linken angehören. An zahlreichen Universitäten ist es nicht mehr möglich, Personen einzuladen, die diesen sektiererischen linken oder islamistischen Studenten nicht genehm sind. Die Redner werden sogleich von einem Mob fanatischer Studenten verjagt, die ihnen vorwerfen, ihren Safe Space zu verletzen“ (S. 131f.).

Der Autorin ist selbstverständlich zustimmen, wenn sie zum Schluss betont, dass man dieser Einschüchterung trotzen müsse. Die „Tyrannei der Beleidigung“ und – so wäre hinzuzufügen – die Zerstörung des progressiven Sozialerbes „erstickt uns“. Es sei an der Zeit, so Caroline Fourest abschließend, „Luft zu holen und von neuem zu lernen, die Gleichheit zu verteidigen, ohne der Freiheit zu schaden.“ Wie wahr!

Hartmut Krauss, Januar 2021

Anmerkungen:

[1] Es muss hier aber auch der Hinweis der Autorin angeführt werden, dass 1976 „sektiererische Marxisten“ ebenso verkommen argumentierten, als eine Feministin von einem eingewanderten Arbeiter vergewaltigt worden war.

[2] Der Begriff „Intersektionalität“ bezieht sich zunächst objektiv beschreibend auf die Überschneidung gleichzeitig gegebener tatsächlicher Diskriminierung bezüglich einer Person z.B. anhand der Zugehörigkeitskategorien Klasse, Geschlecht, Ethnie sowie hinsichtlich sexueller Orientierungen oder Behinderungen. Festzustellen ist aber mittlerweile eine ideologische Instrumentalisierung des Begriffs. Etwa wenn Gruppen um den Rang der größten Diskriminierung wetteifern, sich gegenüber Kritik a priori immunisieren wollen, einen „Opferstatus“ nur behaupten oder von eigener Diskriminierungspraxis ablenken wollen.

[3] An anderer Stelle, wo die Autorin die Soziologin Robin DiAngelo wegen deren rassistischer These kritisiert, wonach ein/e Weiße/r zwangsläufig ein Rassist sein muss, heißt es sarkastisch und zutreffend: „Denn selbstverständlich gibt es weder antischwarzen Rassismus noch Sklaverei in irgendeinem arabischen Land, wo der Handel mit Sklaven dreizehn Jahrhunderte dauerte, oder im Maghreb, wo man Schwarze auch Kakerlaken nennt und wo Fundamentalisten ihnen absprechen, echte Moslems zu sein.“ (S. 125f.)

[4] Unter dem Begriff „Mikroaggression“ versteht man, wie die Autorin in Anlehnung an Campbell & Manning zitiert, „kleine und banale, absichtlich oder unabsichtliche, verbale, verhaltensmäßige oder alltägliche Übertretungen, die ein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit oder der Abwertung bezüglich der Rasse, der sexuellen Orientierung oder des Geschlechts vermitteln, oder aber Beleidigungen und Kränkungen religiöser Natur, die sich gegen eine Gruppe oder Person richten“ (S. 104).

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